Wir verwenden Cookies, um Inhalte zu personalisieren und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren.

Durch die Nutzung unserer Dienste erklärst Du Dich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden

Info

Als ich vor Jahren mit Karate begann, konnte ich es mir nie vorstellen jeden Tag zu trainieren. Einmal in der Woche, das musste doch reichen, um fit zu werden. Der Muskelkater dominierte die Bewegungen an Folgetagen nach dem Training. Schon morgens („the day after“) überlegte ich mir wie ich aus dem Bett kriechen sollte.

So vergingen einige Monate und tatsächlich gewöhnte sich der Körper an das Training. „Kondition baut man nicht im Training auf“ sagte unser Trainer Sigi damals.  Was sollte das denn nun bedeuten ? Noch mehr? Aber es stimmte.  Im Laufe der Jahre wurde mir bewußt, dass das Training ein Mal in der Woche gut war, aber um weiter zu kommen, um mehr Kondition aufzubauen, reichte es nicht.

Wie sagt man so schön, das Klötzchen kommt zu Hölzchen. Sukzessive baute ich mein Wissen über Karate und mein Training aus. 

Gasshuku und Kata Spezial was war das ? Jeder sprach davon, dass man da hingehen müsste und dort trifft man viele nette Leute und es wäre auch hilfreich fürs Karate. Die Kurzform lautete: „Gasshuku ist: 3x pro Tag trainieren und abends noch zusammensitzen.“ Da meine Kondition schon viel besser war, als in den Jahren zuvor und sich das gut anhörte, buchte ich mal ein Zimmerchen in Wangen und ging mit meiner Familie zum Kata Spezial. Wie anstrengend Trainingseinheiten doch sein konnten, das bemerkte ich erst dort. Auch machte ich mit anderen Meistern, wie z.B. Sensei Toribio, Bekanntschaft.(Dieser war echt streng) Und der alte Bekannte „Mr. Muskelkater“ meldete sich auch wieder. Die vielen Hallen, die vielen Menschen, wer muss wohin und wie läuft das alles ab, überforderte uns am ersten Tag. Nach und nach lernten wir den Ablauf und den einen oder anderen Karateka kennen. Am Frühstückstisch sah ich bekannte Gesichter, ein Sensei aus Stuttgart, ob ich den wohl ansprechen darf ?

Nach dem 2. Kata Spezial bzw. nach dem 2. Gasshuku wußten wir, wie der Hase läuft und man bereitet sich besser auf die Zeit vor. Heißt, dass die Kondition vorher gezielter aufgebaut wurde, der Hirschtalg und das Tape für die Füße bzw. die Blasen in die Trainingstasche gehören und das Osmopulver (Basenpulver) auch mit ins Gepäck muss, um den Muskelkater im Zaum zu halten.

Im Laufe der Jahre wurde die Gürtelfarbe dunkler, den weiteren Konditionsaufbau übernahm unser Hund, der brav jeden Morgen um 6.00 Uhr am Bett stand bzw. steht und das Frauchen mit viel Quietschen zum Joggen überredet (leider oder Gott sei dank, bei jedem Wind und Wetter) und die Trainings wurden mehr. 

Neben den üblichen Trainingseinheiten während der Woche, dem Gasshuku und Kata Spezial kamen die Wochenendlehrgänge noch dazu und die Bundesjugendlehrgänge, die ich als Betreuer begleiten durfte. Interessanterweise hatte ich nie wieder Rückenprobleme und ich freute mich immer mehr auf die Trainingseinheiten, nicht zuletzt wegen den Leuten, die man traf.

Dann kam der Wunsch auf, den 1. Dan zu machen. Wie schon in den letzten Jahren erklärte sich Carsten dazu bereit, das Dan -Vorbeitungstraining zu übernehmen.

Optimistisch wie ich war, dachte ich, das mache ich mit links. Mmmmhhh… ganz so einfach wars nicht. Die Trainingseinheiten wurden noch mehr. 4-5x in der Woche stand ich mit meinen zwei anderen Dan-Anwärtern in der Halle und trainierte.

Alles wurde nochmal wiederholt. Alles genauer, intensiver und nochmal und nochmal… Und ja, es gab auch Tage, an denen ich zweifelte, mit Tränen aus der Halle lief und das Gefühl hatte, es nicht zu schaffen.

Carsten hatte aber immer das Händchen, den Grad zu finden zwischen Strenge, Motivation, Trost und Antrieb mehr zu verlangen, ohne dass man komplett demotiviert wurde. Dir, lieber Carsten, vielen Dank dafür!!! Ohne Dich hätte ich das nie erreicht.

Aber der Dank geht auch an meine beiden anderen Dan-Anwärterinnen . Sprich an Doro und Sigrun. Die Gemeinschaft und der Zusammenhalt half mir unendlich. Allein die Motivation: „Wenn Du kommst, dann komme ich auch“ (auch wenn ich oft keine Lust hatte oder von der Arbeit fertig war), half mir meinen Weg vor allem im letzten halben Jahr weiter zu gehen. 

Und auch meine Familie half mir, unterstützte mich beim Trainieren daheim („tiefer Mama“, „mehr Hüfte, Mama“) und sagte nichts, wenn ich wieder mal keine Zeit hatte für den gemütlichen Sonntagnachmittags-Kaffee …weil halt Training anstand.

Es bürgerte sich ein, dass wir uns jeden Montag, Donnerstag und Freitag und oft auch Mittwoch im Training motivierten und jeden Sonntag uns zum Dreier-Training mit Carsten trafen.

Wie viel Liter Schweiß meine Gis aufsaugen mussten weiß ich nicht, aber es war beträchtlich. Gegen Ende des Intensivtrainingjahres fing mein Körper auch an zu zicken. Meine beiden Knie machten sich stark bemerkbar und die Muskeln krampften immer öfters. Aber es gab auch positive Seiten ☺: meine Figur wurde –wie eine Bekannte anmerkte- knackiger. Ob das stimmte oder nicht, war mir letztendlich egal.

Krumme Sprüche von Nachbarn wie: „aber andere Kleider als das Weißzeug hast Du auch noch, oder?“ prallten an mir ab. Denn ich wollte endlich den Lohn einstreichen, sprich den schwarzen Gürtel haben.

Dann kam das Gasshuku, die letzte Hürde vor der Prüfung. Man stand an den 4 Tagen Intensivtraining ständig unter Beobachtung oder hatte zumindest das Gefühl, ständig beobachtet zu werden. Deshalb wollte und konnte man sich keine Schwäche leisten und auch keine Trainingseinheit auslassen. 

Am Freitag kam dann die Danprüfung. Geht alles gut? Kannst Du Deine Prüfungskata? Welche Heian Kata wird Shihan Ochi noch sehen wollen? Wie gehst Du mit einem eventuellen Blackout um? Die Nacht vor der Prüfung war nicht so ruhig und der Schlaf von Träumen durchsetzt. Bei Morgengrauen stand ich auf und absolvierte das Prüfungsprogramm nochmals im Hotelzimmer. Beim Frühstück bekam ich außer einem Joghurt, der so lala runterflutschte, nichts runter. Dann ab ins Auto und zum Prüfungsort fahren. War ja klar, dass ich mich vor Aufregung noch verfahre und 20 Minuten länger unterwegs bin. 

An der Prüfungshalle verlief alles nach Plan. Mein kleiner Coach (meine Tochter) leitete das Aufwärmtraining, hielt mir meine eiskalten Hände und sprach mir Mut zu. 

Dann wurden wir reingerufen und los gings. Formalitäten, Aufstellung, Grundschule, Kumite, Prüfungskata und Heian Nidan als Pflichtkata. 

Eigentlich war die Prüfung selbst nicht so anstrengend wie erwartet und alles verlief gut. Meine Muskeln und mein Muskelgedächtnis, das so gut vorbereitet war, lief das Prüfungsprogramm fast mechanisch durch. Mein Kopf musste nur bei den Abweichungen, die Ochi vom Prüfungsprogramm wollte, eingreifen.Trotzdem war ich nach der Prüfung klitsch naß. Die Mischung Adrenalin, Aufregung, Anstrengung und Hitze war höllisch.

Fertig, sie können gehen, die Nächsten bitte. 

War das alles ? Bestanden ? Das Ergebniss sollte erst abends um 18.00 Uhr bekannt gegeben werden.

Was auf jeden Fall feststand war, dass das Prüfungsvorbereitungstraining körperlich viel, viel stressiger war, als die Prüfung selbst. Aber genau das war auch ein gutes Gefühl. Denn wenn die Benchmark, die man zu leisten fähig war, höher hing, als nachher die Prüfung, dann war die Wahrscheinlichkeit groß, es geschafft zu haben. Jedoch war die Zeit bis zur Urkundenverleihung unendlich lang.

18.00 Uhr, 19.00 Uhr, 19.30 Uhr, endlich kam Petra Hinschberger mit den Urkunden. Die Namen der Prüflinge wurden nacheinander aufgerufen. Ratsch, eine Urkunde wurde verrissen, von wem ? Ein paar Teilnehmer konnten krankheitsbedingt nicht antreten, es hieß auch, dass ein paar nicht bestanden hätten. Die Spannung stieg ins Unermessliche und dann endlich mein Name. Ja, ich habe es tatsächlich bestanden. Ja und auch die beiden anderen Sigrun und Doro haben bestanden. Welch eine Freude !!!!

Als wir rauskamen wurden wir mit Sekt empfangen, alle gratulierten uns und wir bekamen von Rudi unseren schwarzen Gürtel überreicht. War das wirklich wahr ?

In der Folgenacht schlief ich zwar ruhiger, wachte aber dennoch auf. Als ich die Urkunde neben meinem Bett liegen sah, wußte ich, dass ich nicht geträumt hatte.

Dann lief die Prüfungsvorbereitungszeit nochmal wie ein Film vor meinen Augen ab. Ja, ich hatte viel gelernt in den letzten Jahren und vor allem im letzten Jahr. Ich habe die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit getestet, habe meinen Körper besser kennengelernt und bin aufmerksamer geworden.

Der alte japanische Meister Sukimura sagte in einer Trainingseinheit vor der Prüfung: „ Wenn Sie nun Meister sind, müssen Sie selbst ihre Übungen weiterentwickeln und trotzdem noch weiterlernen, das hört nicht auf.“

Und genau nach dem Spruch werde ich weitermachen und freu mich schon jetzt auf die nächste Trainingseinheit. 

Oss Monika